E-Paper - 17. Oktober 2018
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Krisenintervention bei verschuldeten Jugendlichen

Von Franz Welte

In der Schweiz hat jede zehnte Person zwischen 18 und 24 Jahren mehr als tausend Franken Schulen. Schulden stellen für die Betroffenen meist eine Überforderung dar und gehen oft mit weiteren Belastungen einher. Da ist klar, dass der Schuldenberatung grosse Bedeutung zukommt, wie sie auch in St.Gallen geboten wird.

FHS-Masterarbeit In einer Masterarbeit an der Fachhochschule St.Gallen (FHS) mit dem Titel «Jugendverschuldung als Anlass für Krisenintervention in der Jugendberatung» schlägt Simone Thoma aufgrund einer Testserie das Kriseninterventionsmodell «Bella» von Gernot Sonneck vor. Es handelt sich um ein Instrument in der Beratung von verschuldeten Jugendlichen. Es strukturiert den Beratungsprozess und hilft den betroffenen jungen Menschen, ihre Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit wieder zu erlangen, sprich ihre Krisensituation schrittweise in den Griff zu bekommen. Ein Budget und ein Schuldenregulierungsplan, der mit den Gläubigern auszuhandeln ist, bleiben natürlich wichtig, um der Schuldenspirale zu entkommen. Meist ist es sinnvoll, Ratenzahlungen zu vereinbaren. Mitunter ist auch ein Teilschuldenerlass zu erreichen, um geordnete Verhältnisse zu schaffen. Manchmal wird auch das Zurückzahlen von Schulden erst nach Abschluss der Ausbildung vereinbart, wenn ein wesentlich höheres Einkommen zur Verfügung steht.  

Starkes Konsumverhalten

Dass sich Jugendliche oft in Schulden stürzen, ist angesichts der Konsumgesellschaft nicht verwunderlich. Der Konsum von Gütern steigert die Anerkennung jedes Einzelnen in der Gesellschaft. Deshalb konsumieren die Jugendlichen häufig auch dann, wenn das notwendige Geld dazu gar nicht vorhanden ist. Jugendliche, die ihre Finanzen wieder im Griff haben, können sich den Konsum erneut leisten und werden dadurch wieder als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft wertgeschätzt. Durch die finanzielle Stabilisierung ihrer Situation erlangen die Betroffenen ihre Anerkennung zurück. Die Stigmatisierung hat ein Ende. Dies führt ganz klar zu einer Steigerung ihrer Selbstachtung sowie -schätzung. Manchmal führt allerdings auch ein Mangel an Lebensperspektiven zu einer Verschuldung.

Nicht selten ist das «Sich-Verschulden» auch eine Art Rebellion gegen eine Gesellschaft, in der die Jugendlichen nicht mithalten können. Sie rebellieren gegen die Missachtung, die ihnen widerfährt und ungute Gefühle hervorruft. Allerdings schaden sie sich mit ihrem Verhalten schlussendlich selbst mehr als dem System. Deshalb wäre nach der Verfasserin bei der Verschuldung von jungen Erwachsenen mehr Unterstützung durch das System beziehungsweise die Politik wünschenswert.  

Die Krisenintervention «Bella»

Wie Simone Thoma darlegt, reicht eine reine Informationsvermittlung beziehungsweise das Erstellen eines Budgets bei Jugendlichen meist nicht aus. Diese befinden sich in einer problematischen Lebenssituation, die sie nicht aus eigener Kraft und auch nicht mithilfe ihres sozialen Umfeldes bewältigen können. Hier hilft das Modell «Bella», wie die Verfasserin anhand von Praxisbeispielen belegt. Diese Krisenintervention beginnt mit dem Aufbau einer Beziehung mit Beistand, Fürsorge und unbedingte Wertschätzung. Es folgt die Erfassung der Situation, wobei namentlich auch der Lebenslauf der/des Betroffenen zu würdigen und der Ansatz zur Problembewältigung mit einem bewussten Entscheid für eine Veränderung zu finden ist. Zu den Zielen gehören die Entwicklung von Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl, das Wiedererlangen von Entscheidungsfähigkeit und alternative Verhaltensweisen finden und erproben.  

Zentral ist für die Verfasserin zusätzlich auch die Hilfe zur Selbsthilfe. Die Klientinnen und Klienten sollen befähigt werden, ihre Situation wieder in die eigenen Hände zu nehmen. So treten sie aus ihrer Passivität heraus.

Praxisbeispiel für einen Beziehungsaufbau

Als Praxisbeispiel für einen gelungenen Beziehungsaufbau nennt Simone Thoma das Schicksal der 19-jährigen Samira, deren Eltern geschieden sind. Sie wuchs mit ihren beiden jüngeren Geschwistern im Haushalt der Mutter auf, die mit  einem Monatsgehalt von rund 5000 Franken ohne Alimenten-Zahlungen auskommen muss. Nach dem Abbruch der Erstausbildung vereinbarte Samira von sich aus ein Erstgespräch mit der Jugendberatung. Zu Beginn der Beratung standen nebst der Lehrstellensuche die finanzielle Absicherung durch das Sozialamt sowie der Wunsch nach einer eigenen Wohnung im Fokus. Bei der Stellensuche zeigte Samira grosse Anstrengungen und innerhalb von zwei Wochen fand sie eine Praktikumsstelle im Verkauf mit Aussicht auf eine Lehrstelle. Dank der Praktikumsstelle beruhigte sich ihre finanzielle Situation und die Anmeldung beim Sozialamt wurde hinfällig. Das Verhältnis zur Mutter verbesserte sich und ein Auszug war kein Thema mehr.

Im zweiten Beratungsgespräch erwähnte Samira zum ersten Mal ihre Schulden. Nach einigen Rechnungs-Begleichungen schien sich eine Besserung anzubahnen, doch es ergab sich auch, dass Samira in den letzten Jahren nicht in der Lage war, ihre Handyrechnungen zu bezahlen. Sie schloss zur Überbrückung immer wieder neue Verträge bei unterschiedlichen Telekommunikationsgesellschaften ab und so entstanden offene Abonnements-Kosten von über 4000 Franken. Diese Schuld kam auf den Tisch, nachdem die Jugendberaterin mit Samira ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte. So war der Grundstein für eine gute Zusammenarbeit gelegt und es konnte zur Behebung der Notsituation eine Regelung mit den Gläubigern getroffen werden. Damit war auch die Grundlage zur Entschärfung der anderen persönlichen Probleme gelegt.  

Herisauer Nachrichten vom Mittwoch, 17. Oktober 2018, Seite 19 (27 Views)

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